Psychotherapie

Burnout – wenn Körper und Seele “ausgebrannt” sind

Fr. W. ist 45 Jahre alt und Alleinerzieherin eines 16-jährigen Sohnes. Sie arbeitet seit 12 Jahren als Sachbearbeiterin in einem kleinen Wiener Betrieb, in dem sie sehr unterschiedliche Aufgaben wahrnimmt, sie nennt das “Mädchen für Alles”. Vor zwei Jahren begann Fr. W. aufgrund vermehrter Krankenstände der KollegInnen mehr und mehr Überstunden zu machen, anfangs noch voller Elan, da sie ihrem Chef zeigen wollte, was sie alles “drauf hat”. Doch schon bald merkte sie, dass “irgendetwas nicht stimmte”:

Sie erlebte Zustände großer emotionaler Erschöpfung, ihre Leistungsfähigkeit ließ nach, sie wurde KollegInnen und KundInnen gegenüber unfreundlich und zynisch, zweifelte mehr und mehr am Sinn ihrer Arbeit und ging schließlich, nach einer schweren Lungenentzündung und einer Gastritis in den Krankenstand. Auch ihre psychische Verfassung hatte sich in dieser Zeit rasant verschlechtert, sie litt nun unter Schlafstörungen, musst oft weinen, erlitt Panikattacken und erlebt sich als entweder traurig oder gereizt. Auf Empfehlung ihres Hausarztes begann sie schließlich nach vielen Monaten des Leidens eine Psychotherapie.

In der Therapie stellte sich folgendes heraus: Fr. W.s Sohn war in den Monaten vor dem Zusammenbruch eine große Herausforderung, er schwänzte fast täglich die Schule und war zu Hause aggressiv und “unerziehbar”. Zusätzlich hatte sich Fr. W.´s Vater einen Schenkelhalsbruch zugezogen, als einziger Tochter blieb es Fr. W. überlassen, die häusliche Pflege zu managen.  In der Firma wurde an allen Ecken gespart, da das Auftragsvolumen in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen war. Und auch finanziell wuchs ihr alles über den Kopf: der Vater ihres Sohnes hatte aufgrund eines Privatkonkurses die Unterhaltszahlungen drastisch reduziert, das Haushaltsbudget wurde knapper und das Gefühl, dass “alles nur an ihr” hänge, wurde noch deutlicher.

Im therapeutischen Verlauf ging es zunächst darum, Fr. W. dabei zu unterstützen, anzuerkennen, dass sie “nicht verrückt” sei und auch keine “Versagerin”, sondern dass es gute Gründe dafür gab, warum ihr System letztlich zusammengebrochen war: Die Belastungen der letzten Monate waren schlicht zu viel für sie gewesen. Diese Erkenntnis erlebte sie als große Entlastung. Das Zusammenbrechen machte plötzlich “Sinn” und wurde als eine Art “Notschalter” erlebt und nicht mehr als persönliche Schwäche.

In weiterer Folge erkannte Fr. W., dass sie vor allem deshalb den “Notschalter” gedrückt hatte, weil sie es immer allen recht machen wollte und dabei immer höhere Anforderungen an sich selber gestellt hatte. Dass die Firma von immer weniger MitarbeiterInnen immer mehr Leistung einforderte, dass ihr Vater es als bequem erlebte, dass sie sich um alles kümmerte und dass ihr Ex-Mann sich letztlich finanziell aus der Affaire zog – dass also auch die Umwelt einen großen Anteil an Fr. W.s Überforderung hatte, so hatte sie das bis dahin noch gar nicht gesehen. Sie hatte immer gedacht, es liege an ihr, dass ihr alles zu viel sei, sie strenge sich “eben nicht genug an”.

Diese Sichtweise ist oft “typisch” für KlientInnen, die an einem Burnout erkranken: äußere und innere “Antreiber” bestimmen den eigenen Lebensrhythmus, man orientiert sich an Zielen, die aus eigener Kraft gar nicht erreichbar sind und die Bedürfnisse der anderen wiegen immer schwerer, als die eigenen. “Nein” sagen, ist in dieser Logik nicht erlaubt, im Gegenteil, man hat seine “Pflichten zu leisten”, solange man kann. Glaubenssätze wie “Du musst allem immer ganz gerecht werden!”, “100 % sind gerade einmal gut genug!”, “Du musst Dich noch mehr anstrengen!” prägen den Alltag. Eigene Bedürfnisse, z.B. nach Ruhe oder Entspannung oder Lebensfreude werden konsequent zurückgestellt.

Nach und nach erkannte Fr. W., dass auch sie ein Recht auf Bedürfnisse und Lebensfreude hat. Sie begann wieder auszugehen und Freundinnen zu treffen, sie ging spazieren, gönnte sich kleine Freuden, wie ein Vollbad oder ein besonderes Stück Schokolade und stellte eine innere “Wohlfühl-Box” zusammen, in der sie nach und nach alle Dinge und Personen zusammentrug, die ihr gut tan. Sie entdeckte auch, dass ihr Wohlbefinden bisher sehr von äußeren Kommentaren abhängig war: nur, wenn sie Lob oder Anerkennung von außen erhielt, hatte sie bisher das Gefühl, “es nicht ganz falsch gemacht zu haben”. Auch entdeckte sie eine Seite an sich, die sie “Mrs Perfect” nannte: ihren inneren Kontrollfreak, der 100 % Sicherheit und Perfektion herstellen wollte. Dass sie manche Situationen gar nicht selber kontrollieren konnte hatte Fr. W. ausgeblendet. Statt dessen erhöhte sie den Druck auf sich selbst und erzeugte massiven Stress und große Selbstabwertung.

Mittlerweile hat Fr. W. gelernt, auch “Nein!” zu sagen: zu ihrem Chef, zu ihrem Vater, zu ihrem Sohn und zu ihrem Ex-Mann. Sie kann gut zwischen Dingen unterscheiden, die sie steuern kann und solchen, die nicht in ihrer Macht liegen. Sie will nicht mehr alles zu 120% erledigen und sie will es auch nicht mehr allen recht machen. Sie kann mit ihrer inneren “Mrs Perfect” verhandeln und hat gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und anzuerkennen.