Psychotherapie

Selbstermächtigung in Zeiten der Krise: Lernen von den Bremer Stadtmusikanten

„Komm mit, sagte der Esel. Etwas Besseres als den Tod findest du überall … !“

Die meisten Menschen kennen dieses Märchen: Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn vertreiben mit ihrem Gesang eine böse Räuberbande.  Aber erinnert sich noch jemand an den Anfang der Geschichte?
Zu Beginn steht nämlich eine Krise: Die Tiere sind  ihren Besitzern aufgrund ihres Alters nicht mehr nützlich und sollen daher  fortgejagt oder sogar getötet werden:

Der Esel ist der erste, der das „Notwendige“ tut, sich also gegen die „Not wendet“ (bzw. gegen das scheinbar Unab-wend-bare)  und nicht nur Reißaus nimmt, sondern auch gleich einen verwegenen Plan schmiedet: statt sich in sein Schicksal zu fügen, will er lieber Stadtmusikant in Bremen werden.
Ein Esel! Musikant! Stadtmusikant noch dazu! Wer hat denn so was schon einmal gesehen!
Und doch überredet er auch den Hund, die Katze und den Hahn zu dieser aberwitzigen Idee:

„Komm mit, sagte der Esel. Etwas Besseres, als den Tod findest Du überall!“

 

Erste Schritte. 

Und so marschieren sie los. Aber weil der Weg weit ist und die Hufe, Pfoten, Tatzen und Füsse müde sind, machen sie Rast in einem Wald. Und dort entdeckt der Hahn etwas Interessantes…. unweit des Rastplatzes ist ein Räuberhaus! Mit Kamin! Und üppig gedecktem Tisch! Aber leider – eben auch mit Räubern…

Aber das Quartett lässt sich wieder nicht entmutigen. Und schmiedet den nächsten verwegenen Plan: Sie bilden eine Tierpyramide und beginnen lauthals zu musizieren – nicht sehr schön, aber sehr laut! Die Räuber erschrecken fast zu Tode und laufen davon. Die Tiere richten sich im Häuschen ein und gehen schlafen.

Und als in der Nacht ein Räuber zurückkommt um die Lage zu sondieren, wehren sie sich standhaft. Der Räuber glaubt, es statt mit vier alten, ausgemusterten Tieren mit einer mächtigen Hexe zu tun zu haben und nimmt Reißaus. Die Räuberbande kehrt nie wieder zurück.

Die Tiere aber wollen gar nicht mehr nach Bremen, weil sie ihr neues Zuhause längst gefunden haben.

 

Was wir daraus lernen können?

  1. Auch in der aussichtslosesten Lage kann Kraft für einen Neuanfang geschöpft werden.
    Die Tiere haben nichts mehr zu verlieren. Also können sie sich auch für den absurdesten und verwegensten Plan von allen entscheiden.
    Aus eigener Erfahrung und von meinen Klient*innen weiß ich: wer den Talboden der Krise erreicht hat, dem wachsen oft Flügel.

  2. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.
    Das Rettende kann eine innere oder eine äußere Ressource sein. Die inneren Ressourcen der vier Stadtmusikanten sind Mut, Widerstandsgeist, Kreativität und Solidarität und eine gute Idee.  Die äußere Ressource ist das Räuberhaus, das wie aus dem Nichts auftaucht. Es spendet Wärme, Nahrung und Sicherheit.
    An diese Worte des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin habe ich oft und oft denken müssen, wenn Klient*innen an die Grenzen ihrer körperlichen, emotionalen, finanziellen oder sozialen Realitäten gestossen sind und plötzlich neue Ressourcen da waren: Eine neue Idee, ein liebevolles Angebot…

  3. Zusammen ist man stärker, als alleine.
    Klar hätte der Esel sich auch alleine auf den Weg machen können, um Solo-Stadtmusikant zu werden. Aber hätte er dann die Räuber in die Flucht gejagt? Eher nicht.
    Eine der ersten Suchbewegungen, die mit ich Klient*innen in der Krise initiiere, ist daher jene nach Verbündeten: Wer steht ideell und real neben oder hinter mir? Wie kann ich mich verbünden, vernetzen, verbrüdern und verschwestern?

  4. Kontexte sind mächtiger als Umstände
    Die Tiere haben nicht mehr viel zu bieten;  es sind zahnlose, langsame, struppige Tier-Pensionisten. Aber sie tun das, was sie am besten können: der Hund schnappt zu, die Katze kratzt, der Esel tritt und der Hahn macht einen Mordslärm. Und der Effekt ist enorm, die Räuber fürchten sich fast zu Tode.
    Merke: Ob etwas zahnlos und struppig oder furchterregend und mächtig ist, entscheidet immer nur der Kontext!


  5. Selbstwirksamkeit ermöglicht Veränderung
    Die Tiere könnten sich auch aufgeben, sie sind alt, könnte man meinen, und haben nicht mehr viel vom Leben zu erwarten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Jedes Tier glaubt: „Ich kann was tun!“
    Klient*innen, die sich selbst dazu ermächtigen, aus der Schockstarre in die Suchbewegung aufzubrechen, machen sich bereits auf den Weg aus der Krise.

  6. Wegen entstehen oft erst beim Gehen.
    Die Tiere fassen einen Plan. Aber sie halten nicht stur daran fest. Sie öffnen Augen, Ohren und Herzen und sind damit auch offen für das Neue, in diesem Fall das Häuschen im Wald.
    Auch das ist ein Phänomen, das ich bei Klient*innen oft erleben durfte: Wer frischen Mut fasst, einen Plan schmiedet und Schritt für Schritt beginnt, das Neue zu wagen, landet oft an einem anderen Ziel, als dem angepeilten. Aber an einem Ziel.